76. NÖ Almwandertag: Hitze und Dürre stellen die Almwirtschaft vor große Herausforderungen
Zum 76. NÖ Almwandertag luden der NÖ Alm- und Weidewirtschaftsverein sowie die Rinder-Weidegenossenschaft Reinsberg auf die Kapleralm ein.
Die Weidegenossenschaft konnte zahlreiche Ehrengäste sowie mehr als 2.000 Besucherinnen und Besucher begrüßen. Die Grestener Alphornbläser stimmten die Gäste mit traditionellen Almweisen auf den Festtag ein. Der Weg vom Parkplatz zum Festakt und zur Almmesse führte dieses Mal jedoch nicht durch saftig grüne Weideflächen, sondern durch von der aktuellen Wettersituation in Österreich und insbesondere in Niederösterreich gezeichnete, ausgedörrte Wiesen. Die anhaltende Hitze und die extreme Dürre trübten die Stimmung. Viele Almbäuerinnen und Almbauern konnten ihre Verzweiflung nicht verbergen und brachten ihre Existenzsorgen gegenüber den anwesenden Politikerinnen und Politikern deutlich zum Ausdruck.
Obmann Josef Mayerhofer fordert rasche Hilfe
„Ich bin seit 40 Jahren Bauer, aber eine derart katastrophale Dürre habe ich noch nie erlebt. Die Verzweiflung der Bäuerinnen und Bauern ist enorm, und viele fürchten um ihre Existenz. Wenn man in den Stall zu den Tieren geht und nicht weiß, womit man sie füttern soll, dann braucht es rasche Hilfe. Die Wiesen und Weiden sind vertrocknet und schwer geschädigt. Bei Hochwasser greift der Katastrophenschutz, Gleiches müsste auch für die Dürre gelten. Es ist an der Zeit, rasche und unbürokratische Lösungen zu finden“, appellierte Josef Mayerhofer, Obmann des NÖ Alm- und Weidewirtschaftsvereins, in seinem Eröffnungsstatement. Besonders hob er die großartigen Leistungen der Almbäuerinnen und Almbauern in dieser schwierigen Situation hervor. „Es muss Wasser und Futter organisiert und transportiert werden. Das verursacht enorme Zusatzkosten, sofern überhaupt noch Futter verfügbar ist. Unsere Halterinnen und Halter sind die Helden der Alm- und Weidewirtschaft. Sie kümmern sich in dieser äußerst prekären Situation mit großem Einsatz um jedes einzelne Stück Vieh“, lobte Mayerhofer die anwesenden Halterinnen und Halter. Auf der Kapleralm heißen diese beiden Helden Evely Weissensteiner und Arno Rigger.
Almen brauchen praktikable Lösungen in der nächsten GAP-Periode
Josef Obweger, Bundesobmann der Almwirtschaft Österreich, zeigte sich angesichts der extremen Trockenheit in Niederösterreich erschüttert und versprach, sich für die betroffenen Bäuerinnen und Bauern einzusetzen. Besonders entscheidend werden für die Almbäuerinnen und Almbauern die kommenden Monate sein. „Wir kommen jetzt in die entscheidende Phase der Verhandlungen zur zukünftigen Gemeinsamen Agrarpolitik. Wir brauchen Bäuerinnen und Bauern, die ihr Vieh auf die Almen treiben, denn nur mit Weidetieren kann die Kulturlandschaft erhalten werden“, mahnte Obweger. „Dazu muss der Almauftrieb sowohl für die Auftreiberinnen und Auftreiber als auch für die Almbetreiberinnen und Almbetreiber attraktiv sein.“
Obweger nannte dazu ein konkretes Beispiel: Wenn ein Teil der Biodiversitätsauflagen am Heimbetrieb durch den Almauftrieb erfüllt werden könnte, würde dies einerseits keine zusätzlichen Kosten verursachen, andererseits aber den Auftrieb auf Almen und Gemeinschaftsweiden attraktiver machen. Beim Thema Wolf kritisierte Obweger die Praxis mancher Tierschutzorganisationen, die mit zahlreichen Anzeigen die Behörden beschäftigen und die betroffenen Almbäuerinnen und Almbauern zusätzlich zum bereits erlittenen Schaden psychisch belasten.
Reinsberg setzt auf Kultur und Kulturlandschaft
„Unsere Gemeinde liegt im Bezirk Scheibbs, und erste Nachweise einer Besiedlung, darunter ein Steinbeilfund, reichen bereits rund 4.000 Jahre zurück“, erklärte Reinhard Nosofsky, Bürgermeister der Marktgemeinde Reinsberg, bei seiner Vorstellung der Gemeinde. Reinsberg umfasst eine Fläche von 30 km² und erfreut sich einer wachsenden Bevölkerungszahl. Im Laufe der Jahre hat sich die Gemeinde mit der Burgarena und dem Musium zu einem bedeutenden kulturellen Zentrum der Region entwickelt. „Besonders stolz sind wir auf unsere Kulturlandschaft, die von unseren bäuerlichen Betrieben gepflegt wird. An dieser Stelle möchte ich unseren Almbäuerinnen und Almbauern der Kapleralm Danke sagen“, richtete sich Nosofsky an die Anwesenden.
Die Kapleralm – eine Gemeinschaftsweide mit Tradition
Die Rinder- und Weidegenossenschaft Reinsberg wurde im Jahr 1908 gegründet und zählt heute 21 Mitglieder mit insgesamt 125 Anteilen. Die Flächen befinden sich im Eigentum der Genossenschaft. Die Kapleralm liegt in den westlichen Kalkalpen an der Grenze zur westlichen Flyschzone im Bezirk Scheibbs auf einer Seehöhe zwischen 580 und 953 Metern. Die Weidezeit beginnt Anfang Mai und endet in der ersten Oktoberhälfte. Die Gesamtfläche von 154 Hektar gliedert sich in 70 Hektar Weideflächen, 82 Hektar Wald mit Eigenjagd sowie 2 Hektar sonstige Flächen. Jährlich werden rund 150 Rinder aufgetrieben, hauptsächlich Jung- und Galtvieh, aber auch Mutterkühe. Auf den Weiden der Genossenschaft grasen Fleckvieh, Schwarzbunte, Braunvieh, Pinzgauer sowie verschiedene Fleischrassen. Die Beweidung erfolgt in vier Gruppen mit jeweils drei Koppeln. Um den Futteraufwuchs optimal zu nutzen und die Weidezeit bestmöglich auszuschöpfen, werden zu Beginn der Saison mehr Rinder aufgetrieben. Je nach Futteraufwuchs wird ein erster Teil der Tiere nach rund 60 Tagen (20 bis 30 Stück) und ein weiterer Teil nach etwa 100 Tagen (20 bis 30 Stück) wieder abgetrieben. Die Wasserversorgung erfolgt über eine Quelle. Von dieser auf 650 Metern Seehöhe gelegenen Quelle wird das Wasser in zwei Hochbehälter gepumpt und anschließend zu den Tränken geleitet.
Gründer mit Weitblick
Matthias Pöhacker, Obmann der Kapleralm, zollte den Gründern der Rinder- und Weidegenossenschaft große Anerkennung für ihren Weitblick und ihren Mut. „Sie haben schon damals die Bedeutung einer gesicherten Wasserversorgung erkannt“, betonte Pöhacker. Zugleich zeigte er sich stolz auf den starken Zusammenhalt in der Region. Ohne die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer wäre die Durchführung einer Veranstaltung in dieser Größenordnung nicht möglich. „Wir müssen uns in Zukunft auf Jahre wie dieses vorbereiten“, äußerte er seine Befürchtungen. „Wir brauchen ein System, das der Realität entspricht und die Betroffenen gezielt unterstützt. Ich habe meine Bedenken bereits mehrfach geäußert und Vorschläge eingebracht, bislang jedoch nur wenig Gehör gefunden. Wir brauchen Lösungen, um die Bewirtschaftung unserer Almen und Weiden langfristig zu sichern.
Sich den Herausforderungen stellen
„Die extreme Wettersituation stellt unsere Bäuerinnen und Bauern vor große Herausforderungen und verursacht Existenzängste“, zeigte Johannes Schmuckenschlager, Präsident der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, Verständnis für die Forderungen der Obmänner. Die Instrumente zur wirtschaftlichen Absicherung müssten weiterentwickelt und stärker an den Bedürfnissen der Betroffenen ausgerichtet werden. Künftig werde es wirksame und zielgerichtete Strategien brauchen, um den Herausforderungen des Klimawandels begegnen zu können. Es gehe nun darum, in der Gemeinsamen Agrarpolitik flexible Rahmenbedingungen zu schaffen, die auf Veränderungen reagieren können, den Betroffenen Sicherheit geben, die Wirtschaftlichkeit der bäuerlichen Betriebe sichern und damit die Lebensmittelversorgung gewährleisten. Johannes Schmuckenschlager möchte sich nach acht Jahren an der Spitze der Landwirtschaftskammer Niederösterreich künftig verstärkt für die Anliegen der Bäuerinnen und Bauern auf europäischer Ebene einsetzen und die Präsidentschaft in die bewährten Hände seines Vizepräsidenten Lorenz Mayr legen. Obmann Josef Mayerhofer bat Lorenz Mayr, sich den Besucherinnen und Besuchern vorzustellen. „Ich komme aus dem Ackerbaugebiet, habe aber stets die Möglichkeit genutzt, mich mit Kolleginnen und Kollegen aus allen Sparten der Land- und Forstwirtschaft auszutauschen“, erklärte Mayr. Er betonte, dass gerade in schwierigen Zeiten wie diesen der Zusammenhalt innerhalb der Bauernschaft besonders wichtig sei. „Wir müssen die Herausforderungen in der Landwirtschaft, etwa die Sicherung der Lebensmittelversorgung und der Trinkwasserversorgung, gemeinsam angehen und sowohl rasche als auch langfristige Lösungen finden“, appellierte Mayr an die Anwesenden.
Bundesheer: Hilfe bei Naturkatastrophen und Unglücksfällen
„Das Bundesheer unterstützt die Bevölkerung bei Naturkatastrophen und Unglücksfällen. So sind etwa derzeit Hubschrauber des Bundesheeres bei der Bekämpfung des Waldbrandes im Bezirk Wiener Neustadt im Einsatz“, antwortete Verteidigungsministerin Klaudia Tanner auf die Frage von Obmann Josef Mayerhofer zur Unterstützung der Bevölkerung durch das Bundesheer. Die enorme Bedeutung der Landwirtschaft für die Versorgungssicherheit der Bevölkerung hob Tanner besonders hervor. Gleichzeitig appellierte sie an alle Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträger, in dieser schwierigen Situation geschlossen und lösungsorientiert zu handeln sowie parteipolitische Interessen hintanzustellen. Sicherheit sei in jeglicher Hinsicht keine Selbstverständlichkeit mehr und erfordere umsichtiges politisches Handeln. „Ich habe viele Jahre im landwirtschaftlichen Bereich gearbeitet und weiß, wie meine Vorredner bereits deutlich angesprochen haben, dass jetzt rasche Hilfe notwendig ist“, unterstrich Tanner.
Ehrungen
Einen besonderen Höhepunkt des Almwandertages bildete die Ehrung verdienter Funktionärinnen und Funktionäre sowie Halterinnen und Halter, die sich in besonderer Weise um die Almwirtschaft verdient gemacht haben. Bundesministerin Klaudia Tanner, Bundesobmann Josef Obweger, Präsident Johannes Schmuckenschlager und Obmann Josef Mayerhofer überreichten die Urkunden und Medaillen für besondere Verdienste um die Alm- und Weidewirtschaft in Niederösterreich. Mit der Medaille in Gold wurden Franz Ritzinger und Hermann Reitbauer ausgezeichnet. Die Medaille in Silber erhielt Josef Jetzinger. Die Medaille in Bronze ging an Daniel Heindl, Rudolf Prosini und Christine Dietl. Für ihre Verdienste um die Almwirtschaft erhielten Anton Teufl, Stefan Biringer und Johann Pihringer die Ehrenurkunde. Für ihre zehnjährige Tätigkeit als Halter auf der Herrnalm wurden Elisabeth und Franz Pöchacker mit der Haltermedaille ausgezeichnet.
Erfolgsfaktoren für einen gelungenen Almwandertag
Für den gelungenen Almwandertag gilt es, dem Obmann der Rinder- und Weidegenossenschaft Reinsberg, Matthias Pöhacker, und seinem engagierten Team, den zahlreichen Vereinen der Gemeinde Reinsberg sowie den vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern herzlich zu danken. Ohne ihren großen Einsatz, ihren Zusammenhalt und ihre tatkräftige Unterstützung wäre die Durchführung einer Veranstaltung dieser Größenordnung nicht möglich gewesen.