Interview mit Anita Hasler, Halterin auf der Gippelalm
Liebe Anita, wie bist Du zur Halterin geworden und was machst Du außerhalb der Almsaison?
Ich war 17 Jahre lang im öffentlichen Dienst tätig. 2016 hat mich ein Freund gefragt, ob ich mit ihm im Sommer auf der Gippelalm als Halterin tätig sein will. Ich war immer viel und gerne in den Bergen und habe das Angebot angenommen. Die Arbeit auf der Alm hat mir von Anfang an viel Freude gemacht. 2018 habe ich die Halterinnentätigkeit wieder aufgegeben, da ich meine hauptberufliche Tätigkeit mit der Arbeit auf der Alm nicht mehr vereinbaren konnte. 2022 saß ich nach einer Wanderung lange beim Gipfelkreuz des Gippels und es wurde mir immer bewusster, dass ich genau das will. Ich habe meinen Beruf im Büro gekündigt und bin seit 2023 Halterin auf der Gippelalm und es fühlt sich richtig gut an. Außerhalb der Saison bin ich Fitness- und Personaltrainerin und Yogalehrerin. Zudem arbeite ich in der Wintersaison auf der Annaalm im Skigebiet Annaberg im Service und biete auch dort Yoga am Berg an.
Beschreibe uns die Charakteristik der Gippelam und was ist das Besondere dieser Alm?
Die Gippelalm liegt im südlichen Niederösterreich an der Grenze zur Steiermark. Markant und weithin sichtbar sich der Gipfel des Gippels mit einer Seehöhe von 1669 m in den Mürzsteger Alpen. Die Almflächen würde ich als rau, felsig und steil mit gutem Futter, beschreiben. Die Ausnahme ist der Ochsenboden, eine große saftige Wiese, ein richtiger Almboden. Auf die ca. 116 ha große Gippelalm mit ca. 48 ha Reinweide werden 47 bis 49 Rinder, Kalbinnen und Ochsen, aufgetrieben. Die Gippelalm hat alle Charakteristika einer Alm. Zusätzlich betreue ich noch die daneben liegende Pollwischalm. Die Pollwischalm ist eine wunderschöne Alm mit sehr vielen Blumen. Auf der Pollwischalm mit 35 ha, davon 23 ha Reinweide, weiden 20 bis 25 Rinder. Beide Almen können von Besuchern nur erwandert werden. Die Rinder kommen Anfang Juni auf die Alm und bleiben bis Mitte September. Der Almverein-Gippel-Hofalm bewirtschaftet die Gippel- und die Pollwischalm und drei weitere Almen als Pachtalmen.
Wie sieht bei Dir ein typischer Almtag aus und welche Tätigkeiten fallen außer der Viehaufsicht an?
Zwischen 4.30 und 5 Uhr starte ich meinem täglichen Rundgang zu den Weidetieren. Zuerst gehe ich eine Runde auf der Gippelalm und kontrolliere, ob es den Kalbinnen und Ochsen gut geht, danach schaue ich nach den Weidetieren auf der Pollwischalm. Die gesamte Runde dauert ca. vier Stunden. Ich habe mit den Tieren schon ein eigenes Ritual und genieße es bei den Weidetieren zu sein. Neben der Kontrolle der Tiere wird auch die ordnungsgemäße Wasserversorgung kontrolliert, da die Wasserversorgung auf der Gippelalm schwierig ist. Wenn ich von meinem Rundgang zurückkomme, genieße ich ein gutes Frühstück. Dann wird das Holz für den Ofen gehackt sowie Wasser für die Dusche gepumpt und falls Wanderer einkehren, mit einer Almjause versorgt. Während der Woche werden auch Vorbereitungen fürs Wochenende getroffen. Falls dann noch Zeit bleibt, mache ich einige Yogaübungen und gehe noch eine Kontrollrunde zu den Tieren. Am Dienstag um 16 Uhr fahre ich ins Tal, um Einkäufe zu tätigen und meine Wäsche zu waschen. Am Donnerstag um 7 Uhr fahre ich wieder hinauf. Sowohl die Fahrzeiten als auch die Frage, wer fahren darf, sind vom Besitzer der Almflächen streng geregelt. Die Hütte bleibt am Mittwoch geschlossen.
Was sind die besonderen Herausforderungen auf der Gippelalm?
Die Weidepflege, besonders das Hintanhalten des Weißen Germer, braucht Zeitressourcen. In den letzten Jahren ist er noch vor der Blüte verfault, aber wiedergekommen. Die Wasserversorgung auf der Gippelalm gestaltet sich sehr schwierig. Es gibt nur Regenwasser. Das Regenwasser wird in zwei Regenzisternen mit je 4.000 l und einer Zisterne mit 10.000 l gesammelt. Zusätzlich wurde noch ein Folienteich errichtet. 2025 haben die Kapazitäten aufgrund der Niederschläge im Juli gereicht. Die Jahre davor musste die Feuerwehr Wasser auf die Alm fahren. An einer Stelle, in einem etwas moorigen Teil der Alm, steht noch Wasser in einer Lacke, dies nehmen die Tiere eigentlich nicht an. Wichtig wäre der Tau, um einen Teil des Wasserbedarfes der Tiere zu decken. Deshalb ist die tägliche Kontrolle der Wasserversorgung und deren Funktion so wichtig. Durch zwei sprudelnde Quellen besteht auf der Pollwischalm kaum ein Versorgungsproblem. Für die Stromversorgung gibt es eine kleine Photovoltaikanlage mit zwei LKW-Batterien. Damit betreibe ich einen Kühlschrank mit einem Gefrierfach und Lichtstrom. Bei Schlechtwetter reicht der Strom für zwei bis drei Tage.
Was schätzt Du besonders an der Arbeit auf der Gippelalm?
Die Unterstützung der Auftreiber, meiner Familie und meiner Freunde. Diese war und ist besonders wichtig. Vor allem die Mithilfe meiner Freunde und Familie an den Wochenenden ist für mich von ganz besonderer Bedeutung. Denn ohne diese würde ich allein die Halterei mit Almbewirtschaftung nicht schaffen. Reparaturen, die ich nicht selbst schaffe, werden von meinen Freunden und den Almbauern rasch erledigt. Das Klima der gegenseitigen Wertschätzung finde ich besonders positiv.
Zu unserem Jakobifest kommen immer alle Auftreiber, einige Auftreiber besuchen mich aber auch öfters während der Almsaison. Meine Weidetiere betreue ich so weit wie möglich allein, das ist mir besonders wichtig. Mir gefällt die Kombination Tierbetreuung und Almausschank. Ich kann den Besuchern zeigen, wie das Almleben in der Praxis funktioniert und ihnen ermöglichen diesen besonderen Platz in ihrer Freizeit zu genießen. Besonders stolz bin ich, wenn mir die Tiere beim Abtrieb brav folgen. Im Vorjahr habe ich einen Kranz für den Abtrieb geflochten. Ich wollte diese Tradition wieder aufleben lassen, da dieser einen unfallfreien Sommer kennzeichnet. Es war ein wunderschönes und gleichzeitig sehr emotionales Erlebnis für mich. Auf der Alm ist das Leben anders, es ergibt sich immer so, dass wieder alles passt. Dazu ein Beispiel: Ich hatte Probleme bei einer Tränkeeinrichtung mit dem Schwimmer. Ein Wanderer, der gerade zufällig mit einer Wandergruppe vorbeikam, konnte mir bei der Reparatur helfen und das Problem war schnell gelöst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft auf den Almen wesentlich größer sind. Dies hat wahrscheinlich mit der entschleunigenden Wirkung zu tun. Meine Almbesucher sind sehr bodenständige Leute, weil alle auf die Alm gehen müssen.
Hast Du auch schwierige Situation erlebt?
Wenn ich ein Tier nicht finde und dazu noch das Wetter schlecht ist, dann kann die Aufgabe sehr nervenraubend sein. Ich habe einmal ein Tier bei Regen und Nebel zwei Tage gesucht. Ich habe die Kalbin dann in der Nähe der Hütte mit einem verletzten Bein gefunden. Das Tier hatte keine Glocke und hat, aufgrund seiner Verletzung, der Herde nicht folgen können. Voriges Jahr hat eine kleine Gruppe den Zaun durchbrochen und ist durch die Latschen bis zum Gipfelkreuz gelaufen. Die Absturzgefahr ist dort nahe der Nordwand sehr groß. Mit Hilfe von Wanderern haben wir die Gruppe vorsichtig über den Gipfelsteig wieder zurückgebracht. Nachdem sich der Vorfall wiederholt hat, hat der Besitzer die Tiere abgeholt und ins Tal gebracht.
Du bietest auf der Gippelam ein besonderes Erlebnis an?
Ich biete an drei Terminen innerhalb der Weidesaison Almyoga an. Die Teilnehmer wandern selbständig auf die Alm und treffen zum vereinbarten Zeitpunkt auf der Alm ein. Zum Ankommen praktizieren wir eine entspannte und regenerative Yogaeinheit. Anschließend verbringen wir einen gemütlichen Hüttenabend mit gutem Essen und genießen den Sonnenuntergang. Geschlafen wird im Matratzenlager auf der Hütte. Den nächsten Morgen starten wir mit einer aktivierenden Yogastunde um Kraft und Stabilität zu fördern. Danach stärken wir uns bei einem reichhaltigen herzhaften Frühstück, bevor es Zeit wird, sich zu verabschieden und zurück ins Tal zu wandern.
Ein besonderes Erlebnis ergab sich im vergangenen Almsommer: Für den letzten Termin war starker Regen angekündigt – doch alle angemeldeten Teilnehmer machten sich trotzdem auf den Weg. Spontan räumten wir das Matratzenlager um und breiteten unsere Yogamatten dort aus. So entstand eine unerwartet intensive Atmosphäre, die uns allen noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Das Interview mit Anita Hasler führte August Bittermann, NÖ Alm- und Weidewirtschaftsverein
© alle Photos: Anita Hasler